Wednesday, August 8, 2012

Essen, du Hure Babylon

Essen - die unrheinischste rheinische Stadt, irgendwo auf dem Weg zwischen Dortmund und Düsseldorf, wichtiger zwar als meine neue Heimatstadt Bochum, doch irgendwie immer unbekannt und unzugänglich geblieben - mal abgesehen von ein paar Freunden, die hier wohnen.
Essen war der Schauplatz des Ruhr CSD, und damit am vergangenen Samstag Tummelplatz all jener - von Mauerblümchen bis Glitzertunte - die sich mit den Labels schwul, lesbisch, transgender oder transient identifizieren.*

Und so war auch ich wie vielfach angekündigt am Stand meines Mehr-als-Kumpels-Muttermagazins FRESH mit dabei; signierend, sinnierend und hin und wieder resignierend, wenn der Schlagerlärm von der Bühne (zu zwei Dritteln unerträgliche WDR4-artige Soße, mit der man nicht mal meine Mutter hinterm Herd weglocken könnte) mal wieder meine eigenen Unterhaltung übertönt hat.

Aber schön war's trotzdem. Ich durfte zeichnen und nett plauschen, viele neue Leute kennen lernen und alte Bekanntschaften aufrischen. Dafür lässt man sich auch gern mal von halbnackten rosa Polizisten befummeln.

Auf der Bühne war ich auch noch - irgendwo zwischen der schwulen Ausgabe der Wildecker Herzbuben mit unflätigen Texten und einem Gesangsmutanten, den sie nur aus Jürgen Drews' verdrehten Genen gezüchtet haben können.

Nein, wirklich, ich hatte Spaß, auch wenn ich Vieles an der schwul-lesbisch-transibirischen Welt inzwischen sehr kritisch sehe. Zum Beispiel: Wo sind die Lesben? Tarnen sie sich als Männer? Warum wurden keine Lecktücher verteilt? Und warum muss bei den Schwulen Alles so weichgespült sein? Männer, nehmt euch ein Beispiel an euren lesbischen Schwestern!

Moment! Ganz so schlimm war es nicht. Immerhin gab's noch direkt nebenan den Stand von der BOX (wie die FRESH und EXIT ein Gratis-Magazin, aber mit mehr Ketten und Brustfell) und auch sonst einige hübsche männliche Kerle zu bewundern.

Das Schönste aber am Ruhr CSD Essen war, dass Alles so gelassen und harmlos abging. Gruppensex gab's wenn nur hinter der Bühne und 80jährige Faltenärsche, die wie ledrige an der Sonne Mallorcas getrocknete Pfannkuchen aus den Chaps hängen und in Köln Gang und Gäbe sind, sind mir auch nicht untergekommen. Essen, ich könnte mich an dich gewöhnen.

Der Dortmunder CSD darf kommen.

Hier schon mal eine Skizze, die ich am Stand gezeichnet habe, bis ich ein paar Fotos bekomme:



* Ich bin mir sicher, dass einige dieser Begriffe bis diesen Freitag wieder überholt sind oder als politisch unkorrekt gelten. Aber was weiß ich schon. Transient habe ich zunächst für ein Fremdwort für "Fernfahrer" gehalten.

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